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PLATTENCHECK
Von Christian Möller
Als die Sterne mit ihrer EP "Biss" im vergangenen Jahr
einen Vorgeschmack aufs neue Album "24/7" gaben, war das
aufgeregte Gemurmel groß: Die Klingen ja jetzt total anders!
Mehr elektronisch und so! Und sie sind jetzt auf dem Münchner
House-/Elektrolabel Gomma! Und während viele all das toll
fanden, fragten sich manche "was hat dich bloß so
ruiniert", den Wohnheimfeten-Kracher der Hamburger zitierend:
"Wann fing das an? Was ist passiert?"
Dabei fing das alles ja eigentlich sehr früh an. Am Anfang nämlich. Als die Sterne 1992 begannen, war Black Music wichtig für ihre Defintion von Gitarrenmusik. "Grooverock" nennt Frank Spilker das im 1LIVE-Interview, zählt Parliament, Funkadelic und Sly Stone immer wieder genannte Einflüsse auf, von denen man sich aber bald verabschiedet habe. "Aus dieser Fusion von HipHop, Funk und Rock ist Crossover geworden, damit wollte man nicht mehr so viel zu tun haben. Da haben wir uns dann mehr in Richtung Songstrukturen entwickelt". Und, fanden manche, mit dem letzten Album "Räuber und Gedärm" (2006) auch ein bisschen in Richtung egal.
Mehr als drei Jahre später nun: alles auf Anfang und eine Drehung weiter. "Wir haben uns gefragt: Was sind die Sterne eigentlich? Was ist die Essenz, von dem was die Band ausmacht?", erklärt Frank. Die Antwort war: "Die Auseinandersetzung mit Funk und Groove. Und wir haben uns gedacht, es gibt ja viele Bands aus dem Dance-Bereich, die sich so einem Rocksound annähern. LCD Soundsystem oder Hot Chip oder WhoMadeWho. Von denen kann man auch nicht genau sagen, ist das noch ein Dance-Projekt oder schon eine Rockband? Wir haben dann gedacht: Okay, wir gehen den umgekehrten Weg".
Und sie landen auch inhaltlich auf dem Dancefloor, der seit den 70ern immer wieder als Ort gefeiert wurde, wo Hautfarbe, Sexualität oder gesellschaftlicher Status zumindest für eine Nacht keine Bedeutung haben. "Wohin zur Hölle / mit den Depressionen / Ich geh in die Disco / Ich will da wohnen", reiht sich Spilker direkt im Opener in diese Disco-Utopia-Tradition ein. Das Gegenbild dazu bildet der "Convenience Shop", aus dem auch die titelgebende Formulierung "24/7" stammt, eine Kritik am gegenwärtigen Arbeitsleben, erklärt Spilker: "Die wenigsten Leute, die ich kenne haben einen Anstellungsvertrag, sondern wirtschaften in Selbstständigkeit vor sich hin. Man muss nicht wirklich 24 Stunden sieben Tage die Woche durcharbeiten, aber ständig sehen, dass der Laden läuft".
Zwischen Hamsterrad und Stroboskop spielt sich die Platte also ab. Und letzteres flackert auf diesem Sterne-Album heller, klarer und eindeutiger als früher, wo der Funk oft etwas unbeholfen Cordhosiges hatte. Die Bässe rollen schön satt durch die Tracks, die auf traditionelle Songstrukturen zugunsten von Endlosschleifen verzichten, Gitarren fehlen (und fehlen eben nicht), stattdessen prägen gleich zwei Keyboards den Sound, der gerne mal ein bisschen billig neonleuchten darf. Mitgeprägt hat ihn der Münchner DJ Matthias Modica, die eine Hälfte von Munk, der die Platte produziert und auf seinem Label Gomma veröffentlicht hat. Er ersetzt gewissermaßen auch den Sterne-Keyboarder Richard von der Schulenburg, der die Band 2009 aus dem alseits beliebten Number-One-Trennungsgrund "künstlerische Differenzen" verließ.
Die Sterne: 24/7
(Materie Records/Rough Trade)
VÖ: 26. Februar 2010
Eine Rückbesinnung also, ein Neubeginn - und ein deutliches Statement. Alles in allem funktioniert das sehr gut. Dass "24/7" dabei weniger als Album zum zuhause Durchhören taugt - als Songs bleiben diese Songs kaum hängen -, sondern eben zum Tanzen (und wie gut das funktioniert konnte man auf einigen Gigs schon erleben), ist dabei nur konsequent. Dass es für viele nun so wirken muss, als ob die Sterne, die den Funk schon in den 90ern mochten, sich einfach von der seit einigen Jahren um sich greifenden Welle der Discoifizierung der Indie-Musik mitreißen ließen, ist allerdings ein bisschen tragisch.
Stand: 02.03.2010
