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SENDUNG
Von Klaus Fiehe
In der letzten Sendung vor den Sommerferien sinniert Klaus Fiehe
über Sonne, Strand, Sommer - und kommt dann logischerweise auf
Schlangen und Aale. Ganz klare Sache. Und bald ist er bei seinem
Reiseziel - dem Mond...
Willkommen zu dieser Sendung auch an dieser Stelle noch einmal.
Der letzten Ausgabe vor den Sommerferien. In den nächsten
Wochen nämlich rückt der 1LIVE Konzertsommer an diese
Stelle. Ferien, Sommer, Konzerte. Wunderbar. Daher auch mein
heutiges Bemühen, hier nur und ausnahmslos Begriffe ins Spiel
zu bringen, die durch und durch positiv besetzt sind. Aale.
Schlangen. Sommer, Sonne, Strand und Sand zum Beispiel. Wer wollte
da protestieren? Im Sand herum liegen etwa. Einfach so - wie ein
angespülter Ast, ein Kanister, ein ehemaliger Mast.
Längst zerbrochen und voller Algen. Man könnte glauben,
es sei ein Galgen...
Träume, Phantasien. Schöneres noch als im Sand einfach
nur herum zu liegen, gibt es das? Ja! Sich darin zu aalen. Wie ein
Aal. Zugegeben, nicht alle mögen dieses Tier. Ich
persönlich schätze es. Dem Aal verdanke ich das
frühe Ende meiner Karriere als Hobbyangler. Irgendwann in
meinen Teenagerjahren: eins der Tiere war mir an den Haken
gegangen. Und es friedlich davon wieder zu befreien, erwies sich
nahezu als Ding der Unmöglichkeit. Ständig glitt der
Fisch mir aus der Hand. Zudem hatte er in seiner Gier den Haken so
weit geschluckt, dass er nun unergründlich tief irgendwo im
Bereich des Rachens festsaß. Ich nahm das Tier kurzer hand
mit nach Haus. Selbst das war nicht ganz leicht, unterwegs
nämlich kroch es aus einer Tasche, in die ich ihn
gezwängt hatte, und schlängelte sich wie eine leibhaftige
Schlange durch den Bus. Eine Frau schrie gellend auf, mir war das
schrecklich peinlich.
Der Aal also ist ein ausdauernder Wandrer... Wandern im Urlaub - wie ein Aal. Für Teenager ist allein die Vorstellung daran oft schon der blanke Horror. Ich selber nehme das Wort auch nur ungern in den Mund, obwohl ich eigentlich recht gern wandere. Aber wenn mich jemand fragt, sage ich: "Ich gehe zu Fuß". Das klingt beiläufiger, nicht so ambitioniert. Würde ich sagen, dass ich wandere, entstände schnell der Eindruck, ich hätte Wochen vorher schon begonnen, entsprechende Wanderkarten zu studieren, Quartiere geplant und so weiter. Das mag ich nicht.
Dieser ganze Planungswahnsinn. Lieber spontan und mit
völlig falschem Schuhwerk. Am nachhaltigsten wirken die Blasen
direkt unterhalb der Ferse. Wahlweise gehe ich dann den weiteren
Weg wie eine Balletttänzerin auf Zehenspitzen; oder aber ich
verlasse die angestammten Wege und schlängele mich auf allen
Vieren auf der Suche nach einer Abkürzung durchs Gehölz
eines Waldes. Wie eine Schlange. Die kommt dem Aal nahe wie niemand
sonst. Und nimmt bekanntermaßen eine
außergewöhnliche Stellung innerhalb der
Schöpfungsgeschichte ein - völlig zu Recht. Recht
früh bereits rückt sie ins Bild, da herrschen noch
paradiesische Zustände.
Paradies also. Urlaubsparadies. Bettenparadies. Ferienparadies.
Ich verbringe meine Ferien notfalls auch unmittelbar neben einem
Chemiewerk. Ich mag es, wenn gelbe Dämpfe hoch steigen und das
Sonnenlicht trüben. Man kann das wirklich mögen, man muss
es nur üben. Ferien, seien wir ehrlich: Besser wohl doch eine
Insel - als Wandern und Chemie. Eine Insel möglichst ohne die
berüchtigten zehn Platten, die sie dir ständig noch mit
in die Tasche legen wollen. Diese zehn Platten für die Insel.
Ich kenne niemanden, der Platten unter exakt diesem Vorbehalt
verstaut. Nämlich, sie auf einer Insel hören zu
wollen...
Zehn Platten für die Reise. Die Reise ins Innere der Erde. Reise nach Marrakesch oder sonst wohin - das macht Sinn, eher. Das macht eher Sinn. Reisen. Reisen ist wunderbar. In Erinnerung etwa kommt mir eine - pardon - schreckliche Reise mit dem Auto. Sie währte etwa neun Stunden. Der Fahrer und seine Begleiterin saßen vorne und fütterten die Anlage im Abstand etwa einer Stunde jeweils mit immer anderen Audiokassetten, die mit einem durchweg bizarren Mix bestückt waren. Zu hören war beispielsweise Johnny Cash in seinen - so zumindest will es meine Erinnerung - finstersten Momenten, dann eine klassische Klavierpartitur, dann Sonic Youth gefolgt von hämmernden Techno-Beats. Und dann wieder, sagen wir, bulgarische Folkmusik. Ich starrte aus dem Wagenfenster hinaus auf die vorbei fliegenden Felder und wünschte mir, ich sei eine Kornnatter, die sich im hohen Gras irgendeiner Wiese aalt und nichts weiter hört als den Wind, wie er leise durch die Halme fährt...
Gibst du mir Steine, geb' ich dir Sand. Gibst du mir Wasser, rühr ich den Kalk. Wir bauen eine neue Stadt. Ich mag die Wolken und das Meer, den himmelblauen Himmel und den Teer. Wenn er noch dampft, kurz nachdem eine Walze ihn geglättet hat und er matt schimmernd liegt in einem Schlagloch mitten in der Stadt. Am frühen Morgen. Ich schlendere schon einmal runter ans Wasser, dann gehe ich ins Cafe. "Morgen... Schon offen? Einen Kaffee bitte. Sagen Sie, das ist ausgesprochen hübsche Musik, die da bei ihnen läuft. Können Sie mir sagen, von wem Sie ist?" Der Kellner blickt mich ein wenig entgeistert an. "Da müssen Sie meine Kollegin fragen, die hat aber einen Zahnarzttermin heute morgen und kommt erst gegen drei." Ich nicke. Wann immer ich mich wo auch immer nach einer Musik erkundige, ich erfahre es nie. Es ist aussichtsloser, in einer Bar eine verlässliche Auskunft zu einer aktuell laufenden Musik zu bekommen als sich schriftlich bei einem Radiosender zu erkundigen, welche Musik am 13. Juli 1984 um 16:30 Uhr gelaufen ist. Trotzdem, ich frag' immer wieder.
"Und am Bauzaun nebenan hängen große Plakate mit tiefen Blautönen und - gut erkennbar - einer großen Zahl Tanzender. Der örtliche Club bewirbt seine Nächte, die DJs tragen all diese exotischen Namen und monströse Sonnenbrillen. Zumindest diejenigen, die mit auf dem Plakat gelandet sind: DJ Neptun. DJ Stoney G. DJ Craze One. Alles große Namen. Dabei glaube ich inzwischen, dass die meisten auf Bierkästen stehen so wie Krush, der brillante Japaner. Keine Ahnung, woran es liegt, aber die meisten mir bekannten DJs erreichen bestenfalls eine Länge, die etwa der von einem Aal und einer Schlange entspricht, wenn man beide hintereinander legen würde. Das entspricht am Ende dann in etwa der Größe des Kellermensch-Gitarristen, der vermutlich kleinste Musiker, dessen ich je gewahr wurde. Imponierend übrigens - wie die ganze Band.
Nach dem Konzert der Band geriet ich in die örtliche Hafengegend, malerisch schaukelten die Schiffe auf dem Wasser des Meeres. Aber ich glaube, das habe ich so oder so ähnlich bereits erzählt. Deshalb: Keine Wiederholung. Bloß keine Wiederholung. Dafür sind die Ferien da. In den Ferien wähle ich jeden Abend dieselbe Nummer der Speisekarte, ich bestelle denselben Drink wie am Abend zuvor, ich erkundige mich nach einer Musik, die bereits gestern lief: "Hallo? Können Sie mir sagen....?" Und ich zeige auf den Mond. "Da will ich auch noch mal hin", sage ich. "Sprich mit deinem Sender darüber", wirst du dann sagen. "Wenn überhaupt, kann nur er dich dorthin schießen - auf den Mond..." "Und dann? Wer will mich denn da oben? 'Zurück zum Sender' werden die sagen. Und überhaupt. Lass uns das nicht diskutieren. Jetzt sind Ferien. Gute Nacht."
Stand: 13.07.2010
